Zeit für Abschiede

[Montag]

Da ist er also, der letzte Tag im Labor. Ich war irgendwie nervös und hatte schlecht geschlafen. Wir begannen um neun erstmal im Seminarraum, wo der Masterstudent seine Masterpräsentation zum ersten Mal hielt. Er wird sie noch zweimal vorm Labor halten und dann vor einem Lehrerkollegium, was quasi eine Abschlussprüfung ist. Die Zeitvorgabe ist 15 Minuten, er hat heute 19 gebraucht. Danach brauchten wir zwei Stunden, bis die Professorin alle ihre Verbesserungsvorschläge vorgebracht hatte. In der ersten halben Stunde war ich noch halbwegs dabei, dann gab ich auf und landete irgendwie bei meinem alten Blog vom Auslandsschuljahr, und das war teilweise so witzig zu lesen, dass ich manchmal Mühe hatte still zu bleiben. "Die Japaner essen normal kaum Käse, und der Großteil davon schmeckt nicht nach Käse. Es geht nichts über Schweizer Käse… Vergesst Gouda, Camembert und japanischen Plastik-Käse! Esst Gruyere!" (11. Oktober 2015) Wie wahr. 

Nach der Feedbackrunde wurde mir die Gelegenheit gegeben, meine vorbereiteten Folien zu zeigen. Ich hatte zwei Folien mit den aufgenommenen STEM-EDS-Bildern und dann meine Dankes-Übersicht. Ich hatte mir nicht allzu viel Gedanken über meine Worte gemacht, bin aber zufrieden mit dem, was ich so geredet habe. 

Anschließend ging ich mit den beiden Bachelorstudenten zur letzten gemeinsamen Mahlzeit. Witzigerweise probierte ich heute ein neues Essen. Die "Vegetable Ramen" waren die ganze Zeit nicht angeboten worden, aber jetzt neuerdings schon. Sie waren allerdings nicht sehr überzeugend. Es ist überhaupt keine Eiweißquelle drin.

Nach dem Essen leerte ich meine Laborschublade aus. 


 

Um ein Uhr war Festkörperphysik-Seminar, das ich größtenteils ignorierte. Stattdessen betrieb ich Urlaubsrecherchen. Anschließend holte ich mir meinen unterschriebenen Bewertungsbogen (der Co-Prof hat mir einfach überall volle Punktzahl gegeben) und besprach noch ein paar Dinge. Gemeinsam zogen wir durchs Labor, wo ich ein paar übrige Dinge übergab. Meine Proben verbleiben allesamt im Exsikkator, eventuell wird jemand damit weiterarbeiten. Der Schreibtisch war schnell geräumt. Dann blieb nichts mehr, um den Abschied herauszuzögern. Ich wusste nicht recht, wie ich meine Dankbarkeit ausdrücken sollte, ich hoffe es ist gut ankommen, aber eigentlich bin ich ganz zufrieden mit mir. Die Kekse waren auf jeden Fall gut angekommen, ich hatte keine Mühe, die übrigen zu verteilen ("Kann ich noch einen dritten bekommen?!!" - und das wo sich sonst jeder immer genau eines nimmt). Die Professorin bekam natürlich auch einen, und sie wollte gerne ein Foto haben, was darin endete, dass ich meine Sachen wieder abstellte und wir letztendlich alle Leute für ein Gruppenfoto im Labor zusammentrommelten. Dann standen alle im Flur und ich musste wohl meine Sachen nehmen und einfach davonspazieren. Ich war den Tränen nahe bei dem Gedanken, diese bunte Truppe nie wieder zu sehen. 

Während ich noch schweren Schrittes die Treppen hinunterging, holte mich im Erdgeschoss einer der beiden Bachelorstudenten ein. Er hatte auf dem Smartphone schon den Play Store geöffnet mit der Frage, welchen Messenger er wohl installieren solle, um mir schreiben zu können. Lachend erklärte ich ihm, dass ich durchaus auch auf dem japanischen Line zu finden sei, und wir tauschten Kontaktdaten aus. Von dem anderen Studenten habe ich die tatsächlich schon. Wie süß, dass er mir hinterher gelaufen ist! Ich hätte ihm eine Email geschrieben, ich wollte ihm eh das Selfie vom Mittagessen schicken. 

Wehmütig schlenderte ich heim. Ein grauer, nasser Tag, und ich wusste auf einmal gar nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen sollte. Es war nicht mal halb vier. 

Meine etwas trübe Stimmung endete schon wieder, eh ich in meinem Zimmer ankam, denn in der Lobby vom Wohnheim traf ich eine ältere Dame, mit der ich so lieben Smalltalk hatte, dass ich gar nicht anders konnte als glücklich zu sein. 

Am Nachmittag/Abend verbrachte ich etwa fünf Stunden mit telefonieren (auf zwei Leute verteilt) und machte währenddessen ein weiteres Mal Kartoffelsalat. Für die Mayonnaise und die Gewürzgurken hätte ich sonst wenig Verwendung, und ich erwarte morgen Besuch.

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