Wenn Extraversion in Introversion umschlägt

[Freitag]

 


Heute schwänzte ich mal ein bisschen. Da der Japanischunterricht immer um 10:30 beginnt, könnte ich theoretisch für eine Stunde ins Labor gehen. Da kann man aber meistens nichts Sinnvolles bewerkstelligen, nur Computerarbeit. Davon wollte ich mir heute freinehmen, um zur Post (Öffnungszeiten: Mo-Fr, 9-17 Uhr) zu fahren, allerdings stellte ich dann morgens fest, dass es in Strömen regnete. Ich habe keine passende Fahrradkleidung dafür, also wurde der Gang zur Post mal wieder aufgeschoben. Ich übte noch ein bisschen Kanji und trank ganz entspannt zuhause Kaffee, bevor ich direkt zum Japanischunterricht aufbrach. Zu Fuß versteht sich, mit Regenjacke und Regenschirm. Zu Beginn der Stunde absolvierten wir den Vokabeltest, der einfach war. Die Freitagslehrerin ist auch sehr nett. Die Grammatikeinheiten und dazugehörigen Übungen fand ich ziemlich langweilig, aber ich konnte ein paar neue Worte lernen. Die Schülerschaft dieses Kurses hat sich übrigens auch ziemlich geändert, vier sind wohl in den höheren Kurs gewechselt, dafür haben wir einen Neuzugang. 

Zum Mittagessen hatte ich mir ein simples obento zurecht gemacht, dass ich im "Refreshment Room" des Labors verspeiste. Dort hatte ich sogar Gesellschaft eines anderen Studenten vom Arbeitskreis, mit dem ich mich sehr nett unterhielt. Um ein Uhr stand dann Laborputz an, wo ich hauptsächlich Lösungsmittel umfüllte. 

Eigentlich hatte es geheißen, ich solle direkt nach dem Laborputz TEM messen gehen, aber das verzögerte sich dann immer wieder. Ich war lange unentschlossen, was genau ich mit dem Nachmittag anstellen sollte, eigentlich hätte ich gerne meine Kupferoxidwürfel mit ceria beschichtet, aber dafür reichte die Zeit hinten und vorne nicht aus. Also widmete ich mich lediglich der Probenvorbereitung und maß ein XRD, bevor ich in den Kühlschrank zum TEM messen ging. Diesmal arbeitete ich selbstständiger, der Co-Prof saß zwar im gleichen Raum, diskutierte mit dem Studenten vom Mittagessen jedoch ein XRD. Ich benötigte etwa 1.5 Stunden, um meine zwei Proben zu vermessen. Danach war mein inneres Thermostat völlig im Eimer, mir war erstmal vor allem kalt, im Büro aber dann auch gleichzeitig heiß. Ich arbeitete noch eine Weile an der XRD-Auswertung und Bericht-Vorbereitung.

Eigentlich hatte ich zum Karate gehen wollen, aber es gab sehr viele Gründe, nicht hinzugehen. Ich hatte kein Fahrrad und würde 25 min zu Fuß hin und 35 min zurück laufen müssen. Ich war müde. Mir war immer noch gleichzeitig heiß und kalt, was gewöhnlich nicht gerade für körperliche Fitness spricht. Ich wollte lieber noch etwas im Büro arbeiten. Ich hatte Muskelkater von meinem Workout gestern. Anders ausgedrückt, ich hatte überhaupt keine Lust. Um halb sieben bin ich dann nach Hause gegangen. 

Zuhause habe ich mich erstmal hingelegt. Ruhe, Dunkelheit und Abwesenheit von Menschen waren sehr willkommen. Ich frage mich, ob introvertierte Menschen sich immer so fühlen. Den Gedanken, mich mal alleine von sozialer Interaktion erholen zu wollen, kenne ich von meinem deutschen Leben nicht, ich würde mich da eher im extravertierten Spektrum verorten. Hier hingegen sind Gespräche für mich immer mit mehr Unsicherheit und Anstrengung verbunden, weil viele Kulturen und Sprachen aufeinander treffen und ich einfach sehr viele Dinge nicht weiß. Dazu kommt manchmal der Gedanke, dass ich sozial interagieren muss, um den Anschluss an Leute zu behalten. Klar, im Wohnheim sind alle immer offen zu reden und etwas zu unternehmen, aber die losen Bekanntschaften führen auch dazu, dass ich manchmal Angst habe ersetzt zu werden, wenn ich mich zu lange nicht um die Bekanntschaften kümmere. Anstrengend.

Derartige Gedanken wurden nicht lange weitergeführt, weil ich recht nahtlos in eine Art komatösen Schlaf fiel, aus dem mich nach einer halben Stunde der Wecker riss. Etwas desorientiert schob ich mein Essen in die Mikrowelle, dann wurde es deutlich besser und ich fühlte mich bereit, mich wieder unter Menschen zu begeben, sprich zur Coffee Hour. Dort war es wie immer recht unterhaltsam, die Themenauswahl reichte von Perspektiven zum 2. Weltkrieg über Science-Fiction-Romane zum Thema Unsterblichkeit bis hin zu Komparsenjobs. Es war schade, dass wir wie immer um zehn Uhr aufhören mussten.


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