Wenn die Angst vor dem Telefon größer ist als vor den Chemikalien

[Donnerstag]

Zu allererst ging ich heute erstmal SEM messen, mit dem Ergebnis, dass wie vom XRD her erwartet, in dem dunkelgrünen Niederschlag wenig Kupfer drin war. Jetzt verstehe ich wirklich nicht, wo das hin sein könnte. Und welche Form hat das verbliebende, dass es im XRD so gar nicht auftaucht?

Im Anschluss bereitete ich ein paar Lösungen vor, die ich für meine spätere Synthese benötigte, was erstmal Chemikalien suchen hieß. An sich ist der Schrank gut sortiert und beschriftet, aber Ausnahmen gibt es halt immer. Ohne Fragen hätte ich das Kupfersulfat nie gefunden. 

Nach dem Mittagessen erinnerte ich mich an die schon viel zu lange aufgeschobene Pflicht, bei der Bank anzurufen, um einen Termin auszumachen. Ich hatte extra dafür Vokabeln gelernt und mich seelisch drauf vorbereitet. Leider geht bei der Telefonnummer erstmal eine automatische Ansage gemäß "Für bla bla wählen sie die 1" ran, deren Vokabular ich nicht gewachsen war. Also legte ich frustriert wieder auf. Computerstimmen reagieren immer so wenig, wenn man ihnen sagt, dass man sie nicht versteht. Asoziale Biester. Ich nervte also den Post-Doc neben mir, weil von den Studenten keiner in Sicht war. Der Post-Doc vertröstete mich auf später, weil er selbst eigentlich sehr im Stress war, aber sobald seine Experimente es zuließen kam er auf mich zu und wählte zielsicher die zweite Option. Als dann ein menschlicher Operator am anderen Ende war, ließ ich meine Verständnishilfe ziehen. Es ist toll, dass sich im Labor alle ohne mit der Wimper zu zucken auch um derartige Dinge kümmern. Die Frau am anderen Ende verband ich mich dann mit irgendjemand anderen in der Filiale, damit ich dort meinen Termin ausmachen konnte. Ich zählte ihr die drei wichtigeren meiner sechs Anliegen auf und bekam nach zwei Minuten Warteschleife dann einen Termin für Montag um 13 Uhr. Sehr erleichtert dieses Telefongespräch überlebt zu haben legte ich dann auf. Ich hab bestimmt diverse Höflichkeitsfloskeln verpasst zu sagen, aber japanische Telefongespräche hat mir noch niemand beigebracht. Das war das erste Mal, dass ich irgendwo in Japan angerufen habe. 

Nach diesem Erlebnis eilte ich dann ins Labor, um meine Synthese von neuen Kupferoxidwürfeln durchzuführen. Da geschah wenig Aufregendes, alles sah genauso aus wie beim letzten Mal. Morgen werde ich sie dann hoffentlich mit Ceroxid versehen. Nach gut drei Stunden war ich fertig, wobei ich bissl getrödelt hatte, zum Beispiel indem ich Ethanolkannen auffüllte. Ohne Alkohol läuft bei uns nix. Anschließend arbeitete ich meine neuesten Erkenntnisse in meine Folien ein, hielt ein zehnminütiges Nickerchen auf dem Schreibtisch und lernte dann Vokabeln für den Test morgen. Mir ist aufgefallen, dass ich nicht weiß, ob wir auch die Kanji davon schreiben können müssen, also übe ich das jetzt. 


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