[Samstag]
Blog schreiben ist manchmal gar nicht so einfach. Vor allem, da das hier in der Theorie ein öffentlich zugänglicher Blog ist, halte ich private Dinge eher zurück. Manchmal kann man den Eindruck erhalten, alles wäre zeitlich entspannt, easy und glücklich. Oftmals stimmt das auch, aber es gibt natürlich ein paar Geschehnisse, Gedanken und Gefühle, die hier nicht auftauchen.
Zum Frühstück hatte uns die Gastgeberin Reis, Tee und eine kleine Süßspeise mit Süßkartoffeln gebracht. Die Inderin bekam veganes Essen, ich hatte im Gespräch vorsichtig angemerkt, dass ich kein Fleisch mag, sodass sie zwar japanische Brühen verwenden konnte, aber auf die Rindfleischstreifen verzichtete. Aus irgendwelchen obskuren Gründen wird hier wohl Wagyu serviert, das ist quasi das signature dish dieser Stätte (an die Menschen, denen Rindfleisch ähnlich unwichtig ist wie mir: das ist eine der besten und teuersten Rindfleischsorten der Welt). Das Essen war jedenfalls sehr lecker. Es dauerte eine Weile, bis wir alle abmarschbereit waren, sodass es schon halb zehn war, bis wir loszogen.
Mit der Straßenbahn fuhren wir zu unserem erste Ziel, der alten Oura-Kirche. Der Vorgänger dieses Gebäudes war die erste Kirche in Japan. Sie wurde von französischen Priestern errichtet. Für 7€ besuchten wir die Kirche und das dazugehörige Museum über die Geschichte der Christenheit in Japan. In der Kirche durfte man leider keine Fotos machen. Ich finde vor allem das Dach sehr Japanisch. Auffällig sind auch die sehr bunten Fenster. Ansonsten ist ein gotischer Stil vorherrschend. Zur Geschichte der Christen muss man wohl etwas weiter ausholen: Nagasaki war einer der ersten und lange Zeit auch der einzige Hafen in Japan, der für ausländischen Handel geöffnet war. Ab dem 16. Jahrhundert wurde hier missioniert, dann wurde das Christentum bei Todesstrafe verboten. Die verbliebenden Christen lebten 250 Jahre versteckt, bis die christliche Kirche 1873 wieder zugelassen wurde. Die größte Gemeinde war demnach in Nagasaki. Laut Wikipedia kamen 2/ 3 aller japanischen Christen beim Abwurf der Atombombe in Nagasaki um.
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Die Oura-Kirche von vorne.
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Das steht draußen im Garten. Es zeigt die Bekehrung der ersten japanischen Christen.
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Das ist die neue Oura-Kirche.
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Die alte Oura-Kirche hinten.
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Nach dem Besuch der Kirche gingen wir weiter zum benachbarten Glover-Garten. Glover war ein Schotte, der hier im 19. Jahrhundert viel Industrie aufgebaut hatte. In dem Garten stehen deshalb einige altmodische westliche Gebäude. Man hat auch einen ganz hübschen Ausblick über die Stadt.
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Madame Butterfly! Die Oper habe ich in München gesehen, ziemlich cool.
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Die Bepflanzung war wirklich toll.
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Der Ausblick Richtung Stadtzentrum / Norden.
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Nach einer kurzen Kuchenpause, in der wir den berühmten Castella-Kuchen verkosteten, spazierten wir zur Chinatown. Auf dem Weg begegneten wir einem lokalen Fest, bei dem gerade eine ganze Reihe Kindergärten verschiedene Aufführungen hatten.
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Den sehr chinesisch wirkenden Tempel haben wir aus Zeitmangel leider nicht von innen besucht.
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Keine Ahnung was das genau für eine Veranstaltung war.
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Chinatown selber finde ich so nicht so beeindruckend. Da gibt es andere Orte, die etwas größer sind und optisch mehr hergeben. Wir gingen in ein Restaurant, um dort unser Mittagessen zu verspeisen. Mit etwas Suchen und Nachfragen fanden wir auch zwei vegetarische Gerichte. Wir teilten alles, was wir bestellt hatten. Das Essen war wirklich sehr lecker, und mit 12€ für meine Portion inklusive Kokosnuss-Drink für mich nicht wirklich teuer. Wenn ich mich recht entsinne, war das einer der Orte, wo Haifischflossen-Suppe angeboten wurde. In einem japanischen Restaurant an anderer Stelle habe ich sogar Walfleisch im Angebot gesehen. :(
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Eine bunte Mischung, wobei der Hauptspeisenteller links Mabu-Tofu ist, das unten Kung Pao Hühnchen und das rechts geschredderte Kartoffeln. Alles sehr lecker!
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Mit dem Bus fuhren wir dann zum Inasayama-Park, von wo aus wir noch 15 Minuten bis zum Gipfel spazierten. Der sogenannte Berg Inasa ist 333 m hoch. Oben gibt es eine Aussichtsplattform, und die lohnt sich wirklich sehr. Wir waren kurz nach fünf dort, sodass es noch hell war, und man die ganzen Berge und Inseln bestaunen konnte. Wer Nagasaki auf der Karte betrachtet, kann sicher nachvollziehen, warum es hier in jeder Richtung Wasser gibt. Es war grandios anzuschauen. So kann man auch die Geographie der Stadt Nagasaki besser verstehen. Und dann kam natürlich der Sonnenuntergang, der wunderschön über dem Ozean war. Am berühmtesten ist aber tatsächlich der Nachtblick auf Nagasaki. Persönlich fand ich den Tagesanblick noch schöner, aber eine derartige Aussicht auf Inseln und Berge gibt es vermutlich noch an anderen Stellen, die nächtliche Stadt nicht so oft.
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Der Blick in die nördliche Stadt.
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Der Friedenspark.
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Im Südwesten das Meer.
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Das Stadtzentrum.
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Wir suchten eine Weile nach einem geeigneten Abendessen und gingen schließlich der Einfachkeit halber in ein indisches Restaurant. Es war irgendwie ein Gefühl von zuhause für mich. In Deutschland esse ich deutlich mehr indisches Essen als Japanisches, und der Klang vom Hindi, dass die Inderin mit dem Kellner sprach, erinnerte mich an gute Freunde. Wir hatten auf jeden Fall Spaß dort und das Essen war lecker.
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Der Stadtteil heißt dejima.
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Da oben waren wir!
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Wie, Fotos von Essen? Wir hatten Hunger!
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Ich merkte hinterher sehr deutlich, dass ich jetzt am Rande meiner körperlichen und emotionalen Kapazität angekommen war. Der Mainzer und der Franzose wollten gerne noch durch die Stadt spazieren, letztendlich wurde es eine Art Kompromiss, auch wenn ich ihnen anbot allein nach Hause zu fahren. Ich ging zügig duschen und war froh, mich in mein Bett verkriechen zu können.
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Der Name dieser Brücke lautete megane-bashi. Megane bedeutet Brille. Seht ihr sie?
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