Erfolge und Belohnungen

[Montag]

Den Vormittag verbrachte ich im Labor, wo ich Kupferoxidwürfel auf eine Gasdiffusionsschicht sprayte, damit ich morgen die katalytische Aktivität vermessen kann. Gegen zwölf Uhr machte ich mich dann mit dem Bus auf den Weg nach Imajuku, was die nächste Haltestelle neben Kyudai Gakkentoshi Richtung Fukuoka ist. Ich war recht pünktlich da, sodass ich erst einmal voller Neugier in den Laden neben der Bankfiliale schaute: eine deutsche Bäckerei! Sie heißt "Sonnenblume" und ist von einem Mannheimer Bäcker gegründet worden. Das Sortiment ist größtenteils sehr japanisch, aber ein paar typisch deutsche Backwaren dürfen natürlich nicht fehlen: Brezen, Semmeln, Brot, Krapfen. Ich kaufte mir erstmal eine Breze und ein Kürbisküchlein, was mir kurz warmgemacht wurde und ich dann im Laden im Sitzbereich verspeiste. Bemerkenswert ist dabei auch, dass dieser Prozess plastikfrei geschieht! Ich denke, die Breze ist die beste, die ich je im Ausland gegessen habe. Die Konsistenz ist perfekt, außen knusprig, innen weich, Aussehen auch sehr gut. Geschmacklich ist ein leicht irritierender Unterton zu finden, als wäre vorher auf dem Backblech etwas käsig-herzhaftes gebacken worden, aber es ist trotzdem ein sehr gutes Produkt. Das Kürbisküchlein war auch sehr lecker. 



 

Um ein Uhr stand ich dann in der Bank. In der Filiale waren schätzungsweise zwanzig Angestellte tätig und es gab ein Wartenummernsystem, das ich einfach mal ignorierte. Etwas überfordert fragte ich die nächstbeste Person, wo ich mich melden müsse, wenn ich einen Termin habe. Die Frau war sehr nett und ging dann alle meine Fragen mit mir durch. Es stellte sich heraus, dass der Magnetstreifen meiner Karte nicht funktionierte (ich hatte nicht mal bemerkt, dass sie einen hat). Das war ein leicht zu lösendes Problem, ich gab die alte ab und bekam eine neue gedruckt (wobei ich zwischen drei Designs wählen durfte, ich hab jetzt ein cooleres als alle anderen im Wohnheim!). Das musste ich natürlich mit inkan bestempeln, was ich prompt zu blass machte. Die Frau fand das glaub ich amüsant und setzte den Stempel für mich nochmal daneben. Sie erklärte mir auch, dass ich zur Kündigung am Kündigungstag in eine beliebige Filiale gehen müsse und meine Cash Card abgeben würde. Gut zu wissen. Mit meinen Überweisungsträgern von der nationalen Krankenversicherung half sie mir sogar, den Bankautomaten zu verstehen. Die Überweisungsträger haben Barcodes, die man scannen kann, aber das funktionierte trotzdem nicht. Letztendlich hat sie das irgendwie von Hand am Schalter gemacht und ich musste mit Bargeld zahlen. Das ist aber insofern egal, weil ich jetzt kostenlos Geld von meinem japanischen Konto abheben kann! Meine letzte Frage ging um Auslandsüberweisungen. Das scheint sehr kompliziert zu sein (zumindest mit meiner Kontoart), und ich habe einen Zettel bekommen, den ich erst noch genauer studieren muss. Die Frau war auf jeden Fall sehr lieb und ich hatte kaum Verständnisprobleme. Ich habe sogar Kekse bekommen als Entschuldigung für die Unanehmlichkeiten. 

Mit einem Gefühl von Triumph und Reichtum ging ich dann hinaus und gleich wieder in den Laden nebenan. Ich weiß jetzt, wie ich an Geld komme, und ich weiß, wo ich es ausgeben kann! Ich kaufte mit Sonnenblumenbrot, eine Semmel und noch eine Breze für heute abend. Für gleich zum dort essen außerdem einen Krapfen, ein Schokocroissant und eine Tasse schwarzen Kaffee. Welch ein Genuss! Dieses Croissant überzeugte in jeder Hinsicht: es war leicht warm, knusprig-zart, schön schokoladig und vor allem nicht zu süß. Man merkt, dass hier frisch gebacken wird. Man kann tatsächlich in die Küche schauen, da sind ziemlich viele Menschen mit Teig beschäftigt. Das ist echtes Handwerk, und ich bin erstaunt, dass es dafür gar nicht so teuer ist. Klar, "Brot" im Supermarkt ist deutlich günstiger, aber im Vergleich mit Deutschland ist es okay, und das obwohl in Deutschland in den Bäckerein auch nur Massenware im Regal steht. Eine Semmel für 62 Cent, eine Breze für 98 Cent, ein halbes Brot für 2.93€. Ich habe mir eine Stempelkarte geben lassen :)


Beim kostenlosen Wasser folgt die Ladenkultur glücklicherweise nicht der deutschen...

Frohen Mutes spazierte ich weiter zur Post, um endlich einen Brief loszuwerden, den ich seit ziemlich genau einem Monat mit mir rumtrage, weil die Post halt nur Mo-Fr 9-17 Uhr geöffnet hat. 

Ich habe bisher echt wenig Getränkeautomaten fotographiert.

Es erstaunt mich immer wieder, wie rostig Japan ist.

Vom Bahnhof Imajuku aus fuhr ich mit dem Zug weiter zum lokalen Rathaus in Meinohama. Das Amt erinnert mit seinem Wartenummernsystem schon sehr an ein deutsches KVR. Ich fragte mich durch, bis mir jemand mit meinem Anliegen weiterhelfen konnte. Der Mann am Schalter letztendlich verstand mich dankenswerter Weise gut. Mein Problem war nämlich, dass ich im Gegensatz zu allen anderen neuen Auslandsstudenten keine Identifikationsnummer mitgeteilt bekommen hatte. Das ist kein Wunder, denn ich war ja schon einmal in Japan gemeldet, aber mein 15-jähriges Ich hat das mit Identifikationsnummern nicht so recht mitbekommen. Der Mann erläuterte mir dann, dass ich einen Wohnsitznachweis ausstellen lassen kann, der die Nummer beinhaltet. Das ganze kostet knappe zwei Euro, das machte ich natürlich. Ich habe leider nicht auf die Uhr gesehen, wie lange ich insgesamt dort war, aber ich denke es war insgesamt eine Sache von nur zwanzig Minuten. Sehr angenehm. 

Am Bahnhof Meinohama.


Das Amt.

 

Einer spontanen Eingebung folgend suchte ich dann auf Google Maps nach "Kamera Reparatur" und fand einen Laden gleich gegenüber. Es ist eher ein Photo-Shop, bei dem man Abzüge machen und Bewerbungsfotos anfertigen lassen kann, aber in den Bewertungen las ich auch von Kamera-Reparatur, also ging ich einfach mal hin zum Fragen. Der ältere Herr war äußerst lieb und hilfsbereit. Es ist vermutlich den wenigsten Lesern aufgefallen, wo genau mein Problem liegt, aber es gibt auf manchen Bildern ein einseitiges Unschärfeproblem, und das macht mich in einigen Fällen sehr unglücklich. Der Herr sah das Problem auf dem Beispielfoto sofort, obwohl meine Erklärung reichlich dürftig war, denn ich hatte keinerlei Vokabeln für Gespräche über Photographie gelernt. Gerade so, dass ich weiß, was Objektiv heißt (haha, einfach, es ist das eingejapanischte englische Wort "lens"). Er versuchte mit mir das Problem zu reproduzieren, was nicht so einfach ist, weil es mir bisher auch nur in einigen wenigen Situationen aufgefallen ist. Trotzdem fand ich den Unterschied recht deutlich, als ich einmal auf der Straße mit meinem eigenen Objektiv und einem vergleichbaren Objektiv von ihm fotographierte. Ihm fiel vor allem auf, dass das Drehen des Objektivs, also das Zoomen, schwerfällig geht, was ich natürlich nicht beurteilen kann, da ich nur dieses Objektiv kenne. Wir sind uns jedenfalls einig, dass das Problem höchstwahrscheinlich im Objektiv zu finden ist. Das passt auch zu der Tatsache, dass ich die Kamera (mit einem anderen Objektiv) Anfang diesen Jahres in einem Nikon-Servicepoint in München habe durchchecken und pflegen lassen. Was tut man nun? Das Problem ist, dass das Einschicken des Objektivs wohl einen Monat dauern kann, und so lange will ich nicht ohne Objektiv leben! Ich muss wohl mit der Unschärfe leben, bis ich in München bin. Oder mir ein anderes Objektiv kaufen. Leider hat meine (eher kurze) Recherche bisher nur ergeben, dass zumindest die Sigma-Objektive in Japan auf Amazon deutlich teurer sind als im deutschen Amazon. Hmpf. 

 



Auf meinem Heimweg legte ich einen Zwischenstopp in Gakkentoshi ein, um beim Cosmos einkaufen zu gehen. Diesmal wappne ich mich rechtzeitig gegen den Klopapiermangel, der bestimmt bald wieder herrscht. Erstmal lagere ich meine Packung ungesehen in meinem Zimmer und warte mal gespannt, ob irgendjemand der anderen auch mal sowas erwerben kann. 

Nahe Bahnhof Gakkentoshi.

Zuhause schlief ich erstmal eine halbe Stunde, dann saugte ich noch kurz die Wohnung, weil dann der Mainzer Chemiker zu Besuch kam. Er musste eh nochmal kurz zu mir wegen der Hostel-Geschichte, und ich hatte ihm etwas aus der Bäckerei mitgebracht, also aßen wir zusammen Abendbrot. Er ging so um zwanzig nach neun. Meine japanischen Mitbewohnerinnen erzählten mir dann, sie seien sehr überrascht gewesen, dass da ein Mann in unserer Wohnung war. Ich hatte in unseren Gruppenchat geschrieben, dass ein Freund zum Abendessen käme, in ihren Augen war das automatisch eine Freundin. Man hat ihr als Frau offenbar weibliche Freundinnen, zumindest würde man männliche Bekannte nicht nach Hause einladen. Ich erklärte ihnen, dass ein wichtiger Teil meines deutschen Freundeskreis männlich sei, ich glaube jetzt halten sie mich endgültig für seltsam. Der Besuch eines solchen ist hier um diese Zeit jedenfalls wohl nicht mehr angebracht, denn ich erfuhr, dass Michaela sich nicht getraut hat zu duschen, weil der Mann da war. Also ich möchte klarstellen, dass unsere Dusche nicht in der Küche ist. Aber man würde das Geräusch von plätscherndem Wasser vernehmen, das ist offenbar schon zu intim. 

Ansonsten habe ich abends schon wieder leichte Kopfschmerzen bekommen. Ich weiß echt nicht, was das soll. Ich fühle mich nicht krank, ich schlafe jede Nacht sieben bis acht Stunden, keine Ahnung wo die herkommen. Das ist jetzt mindestens der vierte Tag in Folge. Echt unschön. 

Ich wäre gerne früher schlafen gegangen, aber das Bad ist wie so oft belegt (Michaela badet jeden Abend eine Stunde). Da ich diesmal selber mitverantwortlich bin für den Stau, traue ich mich auch nicht, etwas dagegen zu sagen.

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