Wie man eine word-Datei auftaut und im Kulturwirrwarr schlingert
[Mittwoch]
Heute ging es also für den ersten vollständigen Tag in die Arbeit. Eigentlich sollte es mit einem Seminar losgehen, aber erst wurde es um eine Stunde verschoben, und als wir uns dann versammelt hatten, stellten die Leute irgendwie fest, dass sie nichts verstehen, weil ein vorheriger Teil übersprungen wurde. Dann sind wir gegangen und haben das Thema verschoben. An sich müssen alle Master- und PhD-Leute einmal ein Unterkapitel des Lehrbuchs vorstellen. Ich nicht, weil ich nur Gast bin, dabei hätte ich eigentlich Lust darauf... Wenn ich die anderen darüber jammern höre, dass sie nichts verstünden. Ich kann das fast lesen wie ein gewöhnliches Buch. Immerhin ist Englisch auch meine Studiensprache und ich habe letztes Semester schon genug in der Richtung gelesen und gelernt. Ich bin wirklich gespannt was für ein Niveau diese Vorträge haben werden.
Zum Mittagessen nahmen mich welche der Studentys mit, das war gut, so konnten sie mir eine der vielen kleinen Cafeterias zeigen. Ich kaufte mir für knapp drei Euro eine Schale udon und japanisches Curry dazu, das war gut, nur in dem Curry war Fleisch drin.
Mittags und nachmittags arbeitete ich an der Einrichtung meines PCs und an japanischen Vokabeln. Zwischendurch kam ein Professor aus Sendai vorbei, von der Tohoku Universität. Die Uni gehört zu den besten Japans und der Prof ist wohl eine Art Berühmtheit, jedenfalls waren alle ziemlich aus dem Häuschen. Ich will ja nicht angeben, aaaber der Gasteiger (TUM-Prof für Elektrochemie) hat einen h-index der um Längen größer ist... 笑
Ich habe meinen dortigen Computer sowie mein Handy auf Japanisch gestellt. Rechtsklick auf eine Datei bietet ein teils japanisches Menü an. Eine der Optionen lautet 解凍, was mir mein elektronisches japanisch-deutsches Wörterbuch als "Auftauen" erläutert. Erst der Blick ins japanisch-japanische Wörterbuch zeigte mir, dass es auch Decompression sein kann...
Um fünf hatte ich dann noch eine Verabredung mit dem Co-Prof, um über das Thema meiner Forschungsarbeit zu reden. Ich hatte ihm vorher alles über meinen Werdegang und meine Interessen schriftlich zusammengefasst, das ist die sicherere Art der englischen Kommunikation. Er machte mir drei Vorschläge, zwischen denen ich mich in nächster Zeit entscheiden muss. Das Problem ist, dass er eindeutig Option 1 bevorzugt, die aber etwas riskant bezüglich Erfolg ist und vor allem nicht mit der Professorin besprochen wurde, soweit ich verstanden habe. Option 2 klingt für mich ziemlich langweilig, weil quasi alles bekannt ist, aber Option 3 hat seiner und ihrer Meinung noch eher das Problem, dass es nicht viel Neues beinhaltet. Immerhin muss ich mich nicht sofort entscheiden. Erst einmal steht Methodentraining an, indem ich simple Kupferwürfel synthetisiere und charakterisiere. Ich freu mich schon, die Dinger sehen cool aus (unterm Elektronenmikroskop). Aber das wird frühestens Freitag losgehen.
Vom Labor aus radelte ich weiter gen Westen bis zu den Trainingshallen. Ich hatte mich im Vorfeld beim Ashihara-Karateclub gemeldet und war heute zum Probetraining eingeladen worden. Ich weiß gar nicht wie ich diese Erfahrung beschreiben soll... Die Leute dort haben kein Wort mit mir geredet. Ich weiß nicht, ob meine Herkunft oder mein Geschlecht schlimmer sind; vielleicht reden sie auch nie mit Neulingen. Ich kann das wirklich nicht deuten. Später kamen drei ausländisch aussehende Personen ohne Gi dazu, einer davon scheint Halbjapaner zu sein und hat für die anderen beiden übersetzt. Er ist wohl schon lange dabei und ist ziemlich gut. Er haut auch echt ordentlich zu, ich habe etwas mit ihm trainiert. Außerdem hat er bisschen am Fuß geblutet und mich dementsprechend verziert, das ist etwas nervig. Ich kann meine weißen Hosen schon gut alleine blutig machen...
Inhaltlich fand ich das Training sehr interessant. Viele Elemente und Gedanken kenne ich von zuhause, aber natürlich ist auch vieles anders. Es ist sehr gewöhnungsbedürftig im Sparring nicht zum Kopf schlagen zu dürfen. Die hohen Kicks nerven mich bisschen. Was ich gut fand war, dass etwa alle halbe Stunde eine Trinkpause eingelegt wurde. Das Training geht normalerweise von 18:40 bis 21:00, heute wurde aber früher Schluss gemacht. Gegen Ende wurde Sparring-Partner gewechselt. Einer der Ausländer ging mir offensichtlich aus dem Weg und wechselte mit seinem Nachbarn. Später erklärte er mir, dass er keine Frauen berühren darf. Da war ich dann kulturell echt überfordert. Nicht redende Japaner und redende, nicht-berührende Kanadier... Was tu ich hier eigentlich?? Ich schnappte mir dann den Halbjapaner und fragte ihn immerhin, wie ich das Training hier einschätzen sollte. Er meinte, ich kann einfach kommen und gehen, wie ich mag, aber solange man nicht bei Wettkämpfen mitmacht und hart trainiert, wird man wohl nie als Mitglied ernst genommen. Also werde ich mich mit meiner Geisterrolle wohl anfreunden müssen. Inhaltlich interessiert es mich nämlich schon sehr, die Matte hat sich gut angefühlt und ein bisschen Bewegung muss schon sein. Kurz vorm gehen habe ich immerhin noch einen Omiyage-Keks von einem der Mitglieder bekommen, das hat mich bissl versöhnt.
In der Damen-Umkleide des Gebäudes traf ich dann jemanden an, die mich freundlich grüßte, was an sich schon angenehm war. Ich befragte sie dann, wie wohl die Schließfächer funktionieren, und wir kamen super leicht ins Gespräch. Sie macht wohl Judo, studiert Recht im ersten Jahr und ist sehr nett. Ihr glaubt gar nicht wie gut mir diese Begegnung getan hat... Ich hoffe ich erkenne ihr Gesicht wieder, wenn ich sie treffen sollte.
Weiterer Stimmungsaufheller: Der Heimweg. Es ist ja so absolut fabelhaft, zwei Kilometer mit sehr gleichmäßig verteilten 60 Metern Höhenunterschied runterzurollen ohne auch nur ein einziges Mal treten zu müssen!
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| Die offizielle Karte + Markierungen für Wohnheim, Arbeitsplatz und Sport. Leider hat man davon keine Ahnung, wie sehr es rauf und runter geht! |

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