Geld, Tickets, erste Blicke
[Freitag]
Jetzt muss ich mich mal ein bisschen über das Geldwesen auslassen. Das verwirrt mich nämlich. Ich hab ja ein Bankkonto von der Fukuoka Bank, auf das ich gestern auch mein Stipendiumsgeld für Oktober erhalten habe. Jetzt ist die Frage, wie verwendet man das Geld? Natürlich möchte ich das primär verwenden, um Wechselgebühren zu entgehen. Wie man eine Überweisung macht habe ich mit ein wenig Hilfe von einem Studenten in meinem Labor herausgefunden. Als ich dann die Überweisung meiner Miete gestern Abend durchführen wollte, stellte ich erstens fest, dass die Gebühr für eine völlig normale Überweisung von einem japanischen auf ein japanisches Konto 440 Yen kostet, also drei Euro, und zweitens, dass ich mir mit dem Überweisungslimit von 50000 Yen ein Bein gestellt habe, weil der Anfangsbetrag der Miete die Monate Oktober und November sowie Initialgebühren beinhaltet und knapp über dem Limit liegt. Ich weiß auf Anhieb nicht, wo ich das ändern kann. Dass das Limit das Problem ist war auch gar nicht so einfach herauszufinden, weil die App nur Japanisch spricht und keine Screenshots zulässt, die ich in Google Translate geben könnte. Mit der Wohnheimsempfangsdame konnte ich immerhin klären, dass ich die Miete auch in zwei Überweisungen zahlen kann, aber dann kostet es halt zweimal drei Euro. Es gibt auch Wege, die Miete bar zu bezahlen, aber an Bargeld zu kommen kostet ja auch was. Eine Woche habe ich noch Zeit rumzuprobieren.
Gut, also Geld überweisen ist schon mal uncool. Geld abheben auch, auch wenn die Gebühren vielleicht weniger hoch sind als bei einer Überweisung. Wie sieht es mit mit Karte bezahlen aus? Haha, witzig. Ich habe keine Karte. Also keine mit Bezahlfunktion. Die haben mir eine Plastikkarte im Scheckkartenformat gegeben, die nichts weiter kann als meine Bankkontonummer festzuhalten. Das hatte ich irgendwie nicht erwartet. Wahrscheinlich wird es in Zukunft so sein, dass ich mir einen Batzen Bargeld holen muss, um damit meine Einkäufe zu bezahlen. Ich weiß nur noch nicht, wo ich abheben kann. Mir schwant da momentan ganz Böses, nämlich dass ich nur in meiner Bank abheben kann. Und ratet mal, wann die Banken in Japan geöffnet haben. Genau, Mo-Fr 9-15 Uhr. Der Gedanke, das komplette Stipendiumsgeld auf mein Heimatkonto zu transferieren, ist gerade unfassbar verlockend. Gut, einen Teil würde ich für Überweisungen auf Wise lassen.
So. Der Tag fing also mit derartigen Gedanken an. Im Labor nahm ich meine getrocknete Probe aus dem Exsikkator und stellte fest, dass die Ausbeute außergewöhnlich bescheiden war. Keine Ahnung, was ich da angestellt habe. Es reichte zumindest aus, um eine XRD- und eine SEM-Probe anzufertigen. XRD konnte ich auch gleich messen, nachdem ich den Post-Doc, der eigentlich 9-17 Uhr als seine Messzeit eingetragen hatte, ganz auf die dumme Art nach einem sample holder gefragt hatte. Das Messergebnis ist höchst unspannend, wir sehen die üblichen Kupfer Peaks. Die SEM-Probe muss erstmal trocknen.
Zum Mittagessen aß ich die Wochen-Ramen, diese Woche gabs Taiwan-Ramen, die etwas scharf waren und neben Hackfleisch auch grüne Blätter beinhalten. Danach gönnten ein anderer Student und ich uns an dem Pop-up-Stand jeweils einen Crêpe, wobei ich mich für Sahne-Ahornsirup-Schoko entschied. Das Ergebnis war eine wohlschmeckende Kalorienbombe, die sich sehen lassen kann.
Nachmittags betrieb ich vor allem Literaturrecherche, um neue Ideen auszuarbeiten, die ich dann mit dem Co-Prof besprach. Mir gefällt der Rhythmus von 1 Tag Synthese, nächster Tag XRD, darauffolgender Tag SEM nicht, da ist viel zu viel ungenutzte Zeit. Deswegen habe ich für nächste Woche erstmal zwei Synthesen geplant und hoffe auch danach eher zwei Projektstränge parallel führen zu können.
Ich verschwand sehr pünktlich aus dem Labor und stieg in einen Bus nach Gakkentoshi. Der Franzose sollte eigentlich dazusteigen, kam aber nicht rein, weil der Bus schon voll war. Wir waren aber ein bisschen unter Zeitdruck, sodass ich schon mal allein nach Hakata fuhr, um dort herauszufinden, wie man die Tickets für den Shinkansen nach Nagasaki besorgt. Da man an dem Automaten nur bar zahlen konnte und ich zweimal 5520 Yen zu zahlen hatte, musste ich mir erstmal einen atm suchen. Der erste wollte meine ausländische Debitkarte nicht, aber beim zweiten hatte ich dann Erfolg. Letztendlich war ich pünktlich fertig und kaufte noch ein kleines Abendessen, bevor der Franzose auftauchte und wir gemeinsam in den Zug stiegen. Der Zug bis Takeo-onsen war ein älterer Zug und brauchte siebzig Minuten. Dann stiegen wir in den Kamome Shinkansen, der wohl erst letztes Jahr eröffnet wurde. Hier fuhr neueres Rollmaterial, und wir zischten in dreißig Minuten bis nach Nagasaki, wobei ich die Fahrt komplett verschlief.
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| Diese Züge sind einfach cool. Ich habe allerdings den Eindruck, dass die Strecke nicht gerade ausgelastet ist. |
Im Hostel fanden wir heraus, dass in Japan jeder Übernachtungsgast einzeln einchecken muss und wir somit eine Gebühr für spätes Einchecken zahlen mussten. Wir hatten gedacht es würde genügen, dass der Mainzer und die Inderin vor fünf Uhr da sein würden. Nun zahlten wir nochmal zwanzig Euro extra. Es stellte sich heraus, dass das Hostel nur zwei Zimmer hat. Im Endeffekt ist es das Erdgeschoss eines Wohnhauses. Wir hatten zu viert einen abgetrennten Bereich, im anderen Zimmer nächtigten zwei andere Ausländer. Die Gastgeberin spricht ganz passabel Englisch, verfügt aber über eine für mich eher unangenehme Art von Humor. So richtig glücklich bin ich mit der Unterkunft nicht, aber es ist okay. Die zwei Nächte inklusive Frühstück haben mich zusammen 58€ gekostet und die Lage ist nicht schlecht.
Wir unternahmen noch einen Spaziergang durch die Gegend, etwas unschlüssig, wo wir essen sollten. Die Herren hatten deutlich mehr Hunger, ich hatte ja schon was gegessen, und die Inderin ist Vegetariern, die kein Ei mag (außer in Süßspeisen). Letztendlich blieben wir erstmal eine Weile an der Urakami Kathedrale und dem Friedenspark hängen, bevor wir schließlich einen Konbini überfielen und gemütlich zuhause aßen. Um kurz nach Mittagnacht zettelte ich die Schlafenszeit an, weil es am nächsten Tag um acht Frühstück geben würde.
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| Die Urakami Kathedrale. |
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| Im Friedenspark. Die Fontänen sollen die Form von Engelsflügeln haben. |
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| Im Friedenspark stehen sehr viele Kunstwerke, die aus aller Welt geschenkt wurden. Bei Nacht aber schwer zu betrachten. |
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| Nagasaki ist ganz schön hügelig. |








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