Die höflichste Email meines Lebens

[Freitag]

Wow, schon wieder Freitag. Und tatsächlich ist es jetzt schon vier Wochen her, dass ich in Japan gelandet bin. Und meine zweite Woche im Labor. Gut, ich gebe zu, es waren beides 4-Tage-Wochen. Trotzdem scheint mir meine Forschungszeit auf einmal sehr kurz. Es wird Zeit loszulegen... Ab Montag dann. 

Heute früh ging es meinem Zeh deutlich besser als gestern abend. Er war weniger angeschwollen oder bunt als ich es erwartet hatte. Insofern beschloss ich auf einen Arztbesuch zu verzichten und meinen Alltag durchzuziehen (Huch! Da war es, das Wort. Ich habe einen Alltag!!). Bei (an-)gebrochenen oder verstauchten Zehen kann man schließlich eh nix machen außer tapen, und das schaffe ich schon alleine. Insofern war ich quasi pünktlich im Büro. Der Fußweg dahin hatte sich ganz okay angefühlt, aber angekommen stellte ich fest, dass der Zeh sehr warm wurde und anschwoll. Nun, ich blieb einfach die nächsten drei Stunden auf meinem Stuhl sitzen, da ging das dann schon wieder. Mit meinen Papern über Ceria-Kupfer-Katalysatoren bin ich ganz gut vorangekommen, langsam bekomme ich einen geordneten Überblick über die aktuelle Forschung. 

Die größte Errungenschaft des Tages war die Email, die ich heute gemeinsam mit dem Post-Doc an die Professorin verfasste. Eigentlich ging es nur darum, die Professorin darüber zu informieren, dass ich eine Zusage zum technischen Training am TEM-Gerät bekommen habe. Für mich wäre das quasi ein Einzeiler geworden, aber da ich auf Japanisch schreiben wollte, fragte ich um Rat nach den angemessenen Formulierungen. Und was ich für Formulierungen bekam! So viele Höflichkeitsphrasen, die man in eine Email schreibt! Und Höflichkeitsformen, die ich noch nie aktiv verwendet habe! Nebenbei noch technische Hinweise zum ästhetischen Schreiben japanischer Schrift (es gibt halbbreite und ganzbreite Schrift am PC). Ich komme mir vor wie ein kompletter Trampel mit meinen bisherigen Emails. Da ist es ganz gut, dass mein ausländicher Name eine ausreichende Entschuldigung ist. Auf jeden Fall war das eine sehr hilfreiche Lehreinheit, für die ich dem Post-Doc sehr dankbar bin. Und gleichzeitig halte ich nicht viel davon, einen Einzeiler in einen leeren Fünfzeiler zu verwandeln. Allein die Tatsache, dass man hier normalerweise als Einleitung schreibt, wer man ist, auch wenn man mit der Person bereits bekannt ist, die Emailadresse es schon aussagt und es unter der Email nochmal steht, macht mich etwas fertig.

Zum Mittagessen hatte ich mir übrig gebliebenen Reis von gestern abend und Edamame mitgenommen, da ich nicht zur Cafeteria laufen wollte. Beim Wochenputz half ich diesmal beim Auffüllen von Lösungsmitteln und Pipettenspitzen. Danach war ich eher abgelenkt und unkonzentriert beim Lesen meiner Paper und kam nicht wirklich voran. Schließlich nahm der Post-Doc mich und den PhD zum Datenauswerten erst mit zur HPLC, die über Nacht ordnungsgemäß gelaufen war, dann füllte ich mit seiner Hilfe eine vorgefertigte Excel-Tabelle aus, um die tatsächliche Effizienz meines Katalysators zu berechnen. Das Ergebnis hat in meinen Augen ein paar Abweichungen zu viel, ist aber laut des Co-Profs völlig in Ordnung so. Er war bisschen erstaunt, wie schnell ich mich in dem fremden Excel-Sheet zurecht fand und kleine Anpassungen vornahm.

Dann hatte ich nochmal eine Phase von konzentriertem Lesen, von der ich mich um sechs bewusst löste. Irgendwann reicht es auch mal. Dummerweise hab ich vorm Gehen nochmal einen Schwung frische Paper rausgesucht, die relevant scheinen, und jetzt juckt es mich in den Fingern, sie auch noch in meine Übersicht einzuarbeiten. Am liebsten würde ich Montag dem Co-Prof einen Projektvorschlag vorstellen und einfach mal anfangen mit den ersten Synthesen...

Abends schaute ich noch bei der Coffee Hour vorbei, wo ich mit der Inderin und der Halb-Japanerin-Halb-Sri-Lanka-Menschin eine sehr amüsante Diskussion (ähem, manches geht auch als Lästerrunde durch) über japanische Arbeitskultur und -kommunikation hatte. Die zwei Stunden vergingen im Flug, es ist echt lustig da unten.

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