Kyoto!

Wie gesagt stand ich also am Hauptbahnhof in Kyoto. Da ist an einem Feiertag morgens um halb sieben nicht gerade viel los. Zumindest fand ich ein Café, indem ich frühstücken konnte. Es ist schon beeindruckend, dass man zum fertig abgepackten Süßkram (Walnussbrot mit Milchcreme, Puddingteilchen) greifen muss, weil alles herzhafte Schinken, Thunfisch oder beides beinhaltet. Nun, dazu einen Kaffee, und etwas Strom für mein Handy, das ich vergessen hatte im Bus zu füttern.

Der Nachtbus.

Dieser etwas seltsam geformte Turm ist der Kyoto Tower (131m hoch).

Nochmal der Kyoto Tower, diesmal in der Spiegelung der Fassade des Bahnhofs.
 
Gemütlich machte ich mich auf den Weg zum größten Inari-Schrein, dem Fushimi Inari-taisha. Ich hatte gedacht dass um viertel nach acht noch nicht so viel los wäre, aber es waren durchaus schon einige Leute da. Und heiß wurde es auch viel zu schnell. Der Schrein ist berühmt für die lange Anreihung von Torii, den typischen orange-roten Toren aus der Shinto-Religion (zur Erinnerung: die allermeisten Japaner glauben gleichzeitig an Buddhismus und Shintoismus). Die schiere Masse an Torii ist sehr beeindruckend. Es hat mir gefallen, den Weg langsam zu beschreiten, die Ehrfurcht kommt bei mir da schnell auf. Die meisten Gäste rennen allerdings nur auf der Suche nach dem besten Selfie-Spot da durch, das stört das Ambiente natürlich. Ich denke auch dass diese Menschen weder die interessanten Spinnen noch die hübsche Echse gesehen haben. Mich hat auch die Flora sehr beeindruckt. Ich bin noch nie in der Gegend gewesen und fand den Mischwald mit Bambus und Palmen sehr spannend. Und die Geräuschkulisse! Es erinnert mich an Animal Crossing, lauter auffälliges Insektenzirpen und seltsame Vogelschreie. Es gibt wohl auch Affen auf dem heiligen Berg, aber da vor ihnen als aggressiv gewarnt wird, war ich gar nicht böse, sie nicht angetroffen zu haben. 

Typisches Tier von die Gottheit Inari sind die Füchse - sie sind hier überall zu finden.

Ein seltener Moment ohne Menschen.

Davon habe ich inzwischen mehrere gesehen, der Gesamtdurchmesser beträgt bestimmt über zehn Zentimeter.


Der blaue Schwanz ist wunderschön! Nur war der Kleine viel zu flink für mich.


Unten am Hauptschrein sieht man viele Menschen, die mit religiösen Aufgaben betraut sind.


Ich bin nicht bis ganz nach oben gestiegen, das war viel zu anstrengend (es wären wohl um die 250 Höhenmeter gewesen, keine Ahnung wie viele ich davon gemacht habe, vielleicht die Hälfte?). Ich hatte gelesen dass es ohnehin nicht so spannend gewesen wäre, weil die Torii irgendwann aufhören und oben kein Schrein mehr steht. Und mir lief derart der Schweiß aus allen Poren... September ist echt keine gute Reisezeit für Tokyo und alles südlich davon. Hochsaison ist hier im November zur Laubfärbung. 
Es war spannend, mit welchen Methoden die anderen Menschen der Hitze begegneten. Die Touristen hatten generell kürzere Kleidung. Einige trugen nasse Handtücher. Manche hatten wie ich einen Fächer, aber der moderne Mensch trägt wohl einen akkubetriebenen Lüfter vor sich her. Sogar Kühlwesten mit eingebauten Lüftern habe ich mehrere gesehen. 
 
Gelegentlich gibt es ganz passable Ausblicke auf Kyoto - aber außer dass es im Vergleich zu Tokyo überschaubar ist finde ich die Aussicht nicht sehr spannend.
 
 
Neben dem Hauptschrein und der Straße mit den vielen torii gibt es sehr sehr viele kleinere Schreine, das finde ich sehr schön.  
Hier reihen sich Schreine, Wohnhäuser, Läden, Cafés bunt aneinander.



Danach fuhr ich weiter nach Norden und legte eine frühe Mittagspause im Konbini ein, wo ich meinen Appetit auf Rohkost mit einem Salat stillte (und den verbleibenden Hunger mit einem Umeboshi-o-nigiri). Ich bereute meine Entscheidung, weiter spazieren zu wollen, weil die Sonne wirklich unangenehm vom Himmel stach. Trotzdem ging ich weiter, relativ zufällig zur nächsten größeren in google maps markierten Anlage. Es war der Heian-Jingu, ein weiterer shintoistischer Schrein. Er wurde 1895 zum 1100. (!) Stadtjubiläum errichtet, nach dem Vorbild eines alten, nicht mehr existierenden Kaiserpalastes. Er ist sehr groß, im Gegensatz zum Inari-Schrein aber sehr übersichtlich. Spannender hier ist eher der Garten hinter dem Schrein, für den man ein paar Euro Eintritt zahlt. Infolgedessen war es ruhiger, das war angenehm. Viel blüht momentan nicht, aber ich finde die Anlage mit dem Wasser und den schönen Bäumen auch sehr sehenswert. Offenbar kann man dort auch Hochzeitszeremonien abhalten. Eine Gruppe in Kimonos hatte mehrere Fotographen dabei. 
 
 
Innenhof des Heian-Jingu.

 
Little blue bird :)

Die Kimonos finde ich echt wunderschön, sie passen sehr gut hier in den Garten.

Ich mag den Stil mit den kleinen Inseln und Brücken und Steinen und Wasser überhaupt.


Er hat sehr geduldig auf potentielles Futter gewartet.

Es gibt weder viele Blüten noch buntes Laub, aber hier sind doch schöne Farben zusammengekommen.

Die Steine im Wasser sind alle sehr stilvoll plaziert.

Dort auf der Brücke bin ich der Hochzeitsgruppe begegnet.

 

Auf dem Weg zurück zum Hauptbahnhof begegnete ich einem Gyoza-Festival (also eine Art Streetfood-Festival). Ich verstehe zwar nicht wie man bei dem Wetter draußen essen kann, ich habe wegen hitzebedingter Appetitlosigkeit Mühe überhaupt irgendwann regelmäßig zu essen, aber es sah lecker aus. 
Am Hauptbahnhof holte ich mir einen Matcha-Latte und setzte mich noch einen Moment mit meinem Handy (genommen diesem Blog) irgendwohin. 
 
Auf dem Gyoza-Festival gab es auch Straßenkünstler. Und im Hintergrund sieht man ein sehr großes Torii, das auch noch zu Heian-Jingu gehört.

 
Auf drei Uhr fuhr ich dann zu meinem Hotel zum Checkin. Ich hatte es nämlich wirklich eilig in mein Zimmer zu kommen - genau genommen unter die Dusche. Das ist nämlich der Nachteil an einer Bus-Übernachtung, die haben zwar eine Boardtoilette, aber Duschen stehen eher nicht auf dem Programm. Und ich war leider dumm genug nicht mal meine Kleidung auf einer Toilette zu wechseln. Bei der Hitze ist das wirklich unangenehm klebrig-müffelnd irgendwann. Insofern war ich sehr glücklich pünktlich auf mein Zimmer und unter die Dusche zu kommen. Ein kleiner Nachmittagsschlaf war natürlich auch sehr willkommen und ich blieb bis zum Einbruch der Dunkelheit lieber drinnen. 

Abends machte ich noch einen kleinen Spaziergang. Zu meiner großen Freude fand ich einen wunderbaren Eisladen! Die Werbung außen, dass der Gründer für sein Eis irgendeinen internationalen 3. Preis bekommen hatte, hatte mich neugierig gemacht. Außerdem ist es eher selten, dass italienisches Gelato-Eis verkauft wird, die Japaner zählen leider zu den Anhängern des Softeises. Der Laden hat mir sehr gut getaugt, ich habe auch nett mit den Verkäuferinnen geplaudert. Nur ist die Sortenauswahl zu groß und unübersichtlich - wenn ich es schaffe muss ich morgen nochmal herkommen. Damit ich es besser vergleichen kann habe ich Matcha- und Pistazieneis gewählt, aber es gab auch viele kreativere Sorten wie Yuzu, Sake oder andere japanische Geschmacksrichtungen, die ich gerne probieren würde. 
 
 
Matcha und Pistazie <3

Ein kleiner Schrein irgendwo in der Nähe des Hotels.

Ein Seitentor der Mauer um die Burg Nijo-jo - keine Ahnung warum es einen Ausgang zum Wasser hat. Fledermäuse waren da übrigens viele unterwegs.


Ansonsten hab ich heute abend noch Wäsche gewaschen, wobei ich Glück hatte, dass ich eine der drei hoteleigenen Waschmaschinen benutzen konnte - außer mir gab es noch viele andere Anwärter, und nachdem man über den Fernseher im Zimmer verfolgen kann was der Stand jeder Waschmaschine ist (ja, das Hotel ist noch sehr neu), stehen immer sofort mindestens drei Leute auf der Matte sobald eine Maschine frei ist. Ursprünglich hatte ich gar nicht geplant zu waschen, aber nachdem ich so viel mehr schwitze als erwartet ist es doch angemessen...



Kommentare

  1. Es folgt eine Erbsenzählerei.
    Ich denke praktizieren ist eine passendere Beschreibung als glauben. Ein großer Teil der Japaner besucht Schreine, religiöse Feste und Zeremonien nicht aus Glauben an örtliche Gottheiten oder der aus Glauben an die Göttlichkeit des Kaisers sondern wegen eines tiefen Ineinandergreifens der japanische Kultur, der Religion (und historisch dem Staat).
    Meine Theorie ist, dass Japan diese Kultur deshalb hat, weil die Säkularisierung des Humanismus und der Aufklärung nie in Japan um sich gegriffen hat.
    Einen Schrein zu besuchen ist daher nicht genauso religiös konnotiert wie eine deutsche Kirche oder Kloster zu besuchen.

    それに蜘蛛おもろい!

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    1. Meinst du nicht, dass das in Deutschland genauso ist? Ich würde die ganzen Menschen, die aus Tradition an Weihnachten in die Kirche gehen (und zwar nur dann), pauschal mal in die Kategorie "praktizieren". Aber ja, "Religion" und "Glauben" haben hier sicherlich eine etwas andere Bedeutung.

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    2. Für solche Leute sicherlich. Und nicht nur das, es wird ja auch noch sehr oft in der Kirche geheiratet. Hier besteht aber in großen Teilen der Bevölkerung viel mehr Abneigung gegenüber dem christlichen Glauben und der damit verbundenen Symbolik. Es gibt eine Menge Leute, die die Kirche nicht besuchen, weil sie sich als Atheisten identifizieren. Bei anderen Leuten ist es kein Widerspruch, sich Atheistisch zu bekennen und zugleich die Kirche zu besuchen. Ich glaube in Japan ist das halt der Mainstream.

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    3. In Deutschland kann man den Christentum und Kirchen hassen und trotzdem noch "deutsch" sein. Wenn man in Japan shintoistische Schreine und buddhistische Tempel ablehnt, lehnt man auch einen großen Teil der japanische Kultur ab. In Japan gehört es einfach irgendwie viel mehr zum Leben dazu.

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