Japan für Anfänger

[Mittwoch]

Offenbar wache ich hier immer um sieben auf, vielleicht hat es etwas mit der Helligkeit zu tun, auch wenn die Vorhänge verhältnismäßig dicht sind. Ich nutzte die Gunst der Stunde und schwang mich aufs Fahrrad, um endlich den Strand zu erkunden. Es ist eine zehnmütige Fahrradfahrt durch Reisfelder. Da 80% des Weges am Fluss entlang führen, ist er auch sehr eben. Nur am Wohnheim gibt es eine kleine Steigung. 


 


Ich hatte erst etwas Mühe, den richtigen Eingang durch den Wald zum Strand zu finden, stand aber letztendlich an einem menschenleeren Strand. Die Wellen waren recht ruhig, weil es erstens eine Art Bucht ist und zweitens einige Inseln vorgelagert liegen. Es ist recht viel Müll vorhanden, ich frage mich ob es wohl eine Art freiwilliges Aufräumen gibt? Da mus ich mich mal informieren. 


 


 

Die Wolken waren echt schön, die Lichtstimmung veränderte sich ständig. Der Wind ist heute recht stark, das macht es deutlich angenehmer. Trotzdem war ich sehr verschwitzt, als ich eine gute Stunde später wieder zuhause ankam. Die Dusche war wohl noch vormittags nötig. Da dachte ich mir, es sei eine gute Idee noch vorher ein kleines Workout zu machen. Ich habe so sehr geschwitzt, dass ich das Salz auf meinen Lippen schmecken konnte, das ist mir noch nie passiert. Die Dusche tat jedenfalls besonders gut.

Meine Wäsche zusammen mit einem mir zugelaufenen Handtuch auf meinem Balkon.


Ab 13 Uhr gab es ein Einführungsevent für alle ausländischen Studenten der Universität. Wie immer ist die Menschenzahl schwer zu schätzen, aber ich vermute es waren so um die dreihundert Leute da. Es begann mit einer Trommelvorführung von ein paar Studenten, das war ziemlich cool. Die Begrüßungsrede wurde vom leitenden Professor des International Student Center gehalten, der war ganz gut drauf. Die darauffolgenden Hinweise vom studentischen Support waren eher langweilig, ehrlich gesagt habe ich gerade vergessen was sie so gesagt haben. Dann wurde uns erläutert, dass es einen kostenlosen Counseling-Service gibt. Der Redner war der Leiter eben dieses Services, eigentlich klinischer Psychologe, und schrecklich nervös vor so vielen Leuten zu reden, irgendwie süß. Die Einwanderungsbehörde von Fukuoka erläuterte uns wie wir mit unserem Visumsstatus, der Residence Card und Arbeitserlaubnissen umzugehen haben. 

 

Der Eingang zum Versammlungshalle. Stilistisch fühle ich mich an einen eher dystopischen Film erinnert, vielleicht Tribute von Panem.


Nach einer kurzen Pause gab es eine Vorführung des Circles für Schwerttanz. Ich bin immer noch unschlüssig was ich davon halte. Ich verstehe nicht warum man mit einem Schwert in der Hand tanzen sollte, aber andererseits, warum nicht. Der Vortrag danach beeindruckte mich mehr, die Polizei hat sechs Uniformierte aus verschiedenen Abteilungen geschickt, um uns mit den wichtigsten Regeln, Straftaten und Gefahren bekannt zu machen. Also eigentlich ist es mir egal ob man für Marihuana-Besitz jetzt fünf oder zehn Jahre ins Gefängnis geht, aber ich vermute für manche internationale Gäste ist das durchaus eine wichtige Information. Ich wäre auch nicht auf die Idee gekommen mein japanisches Bankkonto gegen Geld zu verkaufen, aber jetzt bin ich auch da schlauer. Inhaltlich war der darauffolgende Vortrag für mich wichtiger. Der Redner kam vom NHK, das ist der öffentliche Fernsehsender Japans. Es ging um Vorbereitung gegen Naturkatastrophen. Eigentlich hab ich das alles schon mal gehört, aber irgendwie die letzten Tage nicht so bewusst drüber nachgedacht. Daraus habe ich mitgenommen, dass ich mir noch eine Powerbank kaufen sollte sowie eine Flasche Wasser. Theoretisch sollte man die Notfallausrüstung in einem Rucksack aufbewahren, aber so viele Rucksäcke habe ich gerade nicht übrig. Und meine Notfalltaschenlampe ist in Wirklichkeit mein Fahrradlicht, das brauche ich im Alltag. Nach den Abschlussworten des Profs vom International Student Center waren wir gut zwei Stunden später entlassen. 

Ah ja, die Kyudai, die Polizei sowie die Einwanderungsbehörde hatten ihre Maskottchen dabei :)

Draußen stand ich dann über eine Stunde an, um meine SIM-Karte abzuholen. Es gab drei Anbieter, ich hatte mich für GTN mobile entschieden und habe in Zukunft 5GB Daten monatlich für etwa 10€, wobei die Initialkosten gar nicht mal so gering sind. Hauptsache ich habe jetzt eine japanische Handynummer! Damit kann ich dann irgendwann hoffentlich ein Bankkonto eröffnen. Es gibt auch viele Handyverträge, für die man ein japanisches Bankkonto benötigt... um dieses Henne-Ei-Problem zu umgehen gab es diese drei "foreigner-friendly" Anbieter. Während des Wartens unterhielt ich mich übrigens sehr nett mit drei Schweden. Den einen davon kannte ich schon, der wohnt in meinem Wohnheim. 

Danach blieb noch etwas Zeit für die self-guided tour durch die Bibliothek. Vom ersten Eindruck her denke ich dass die TUM eine größere Zahl an Büchern und sonstigen Medien hat, aber ich weiß nicht recht, welche Einrichtungen es hier außer der Zentralbibliothek noch gibt. Auf jeden Fall gibt es viele Arbeitsplätze. Theoretisch ist das für mich auch nur fünf Minuten zu Fuß entfernt, aber ich bezweifle etwas, dass ich zum Bib-Lerner werde. 

Momentan noch wenig frequentiert.


Mein Freund, der Atkins! Vielleicht sollte ich damit mal Japanisch lernen.

17:00-18:30 gab es eine Welcome Party in einer der vielen Cafeterias. Es gab kostenloses Essen, man hatte bei der Anmeldung sogar vegetarisch, vegan und halal angeben können. Halal war ein extra Tisch, aber die Veganer und Vegetarier mussten selber rätseln, was von dem Buffet wohl ihrer Gewohnheit entspricht. Ich glaube für die Veganer war im Endeffekt nur blanker Reis, blanke Kartoffeln oder Rohkost vorgesehen. Charmant! Es gab ein paar kleinere Präsentationen und Vorführungen am Anfang. Insgesamt war es sehr voll und laut. Ich geriet irgendwann an eine Gruppe Deutscher. War ganz interessant zu sehen wer hier sonst noch so rumläuft. Einen Chemiker aus Mainz habe ich getroffen. Es wurde eine WhatsApp-Gruppe gegründet, wo inzwischen 21 Deutsche drin sind, aber ich habe nicht vor, mich viel mit ihnen zu beschäftigen. 


Der Großteil der Europäer ging offensichtlich hinterher trinken. Darauf war ich nicht sooo scharf und eingeladen hatte mich eh niemand. Ich plünderte das Büffet (vor allem Edamame), nahm 4 Liter übrig gebliebenen Tee mit und stapfte einsam nach Hause. Die Hälfte meiner geschnorrten Reste wurden dann schnell von meiner chinesischen Mitbewohnerin verputzt, während ich mich mit ihr unterhielt. 

In meinem Zimmer war ich bisschen unmotiviert und grübelte immer noch über die Frage nach, ob ich nicht mit irgendwelchen Leuten zum Party machen hätte mitgehen sollen. Letztendlich überwand ich meinen Instinkt in meinem Zimmer zu bleiben und ging runter zur Coffee Lounge. Mit einem Beutel Kräutertee, das ist immer wohltuend. Und ich habe immer noch keinen Wasserkocher, die Coffee Lounge ist damit die perfekte Gelegenheit zum Teetrinken. Die meiste Zeit ratschte ich mit einer Chinesin, einem Japaner, einer Frau aus Sri Lanka und dem Schweden. Irgendwie ging es größtenteils um Achterbahnen, das war sehr witzig. Allgemein eine sehr angenehme Atmosphäre, und ich fühlte mich auf einmal sehr zuhause. Lass doch die Europäer saufen gehen, ich bleib hier bei meinen Asiaten beim Tee. 

Ich ging recht früh zurück ins Zimmer, weil ich wirklich müde war und endlich mal pünktlich schlafen gehen wollte. Nun, erstmal ratschte ich mich mit meiner chinesischen Mitbewohnerin fest. Nennen wir sie mal Susi, das ist mir sonst zu umständlich auf Dauer. Susi redet offenbar gerne viel und lacht laut. Es war wirklich interessant sich mit ihr zu unterhalten. Sie hatte Trauben gekauft, die sie mir anbot. Es sind welche aus der Region (Fukuoka-ken). Leider schmecken sie mir überhaupt nicht. Das hat nix mit Trauben zu tun, wie ich sie kenne. Irgendwann löste ich mich dann vorsichtig aus dem Gespräch, um mich langsam ins Bett zu begeben. 

Tja. Gerade als ich die Zahnbürste im Mund hatte, hörte ich das Schloss der Eingangstüre. Warum müssen alle meine Mitbewohner um elf Uhr abends hereinschneien? Jetzt sind wir also zu dritt. Ich nenne diese Japanerin jetzt mal Julia. Sie studiert Pflege im zweiten Semester und wohnt schon seit April in der Wohnung. Sie versteht zwar Englisch, spricht es aber nicht. Insofern hat sie keine Möglichkeit, Susi irgendwas mitzuteilen, das ist bissl wild hier. Letztes Semester wohnte hier neben den beiden Japanerinnen wohl nur eine Chinesin die fließend Japanisch sprach, also steht Julia jetzt zum ersten Mal vor der Challenge. Viel redeten wir nicht mehr, und gegen Mitternacht war ich dann tatsächlich im Bett.

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