Home

Nun war es endlich soweit: Heute geht's nach Fukuoka und ins Wohnheim! Nach einem gemütlichen Frühstück wurde ich noch zur Bahn begleitet, die mich zur Station Shin-Osaka (i.e. "Neu-Osaka") brachte. Dort kaufte ich rasch noch ein kleines Mittagessen. Ich hab mit dem Gedanken gespielt mir ein richtiges Eki-Ben, die typische O-bento-Box an Bahnhöfen, zu kaufen, hab aber auf Anhieb kein vegetarisches gefunden. Ich sollte mir echt angewöhnen zu fragen...

Am Bahnhof. Ich habe noch nie eine Rolltreppe mit geradem Stück in der Mitte gesehen...

 

Auf die Zugfahrt habe ich mich schon gefreut, seit ich vor drei Wochen das Ticket erworben hatte. 2h 28min für 554 Kilometer, natürlich auf die Minute pünktlich. Zum Vergleich: Neulich war ich mit einem ICE von Berlin nach München unterwegs: Die Strecke von 623 km wird von den Sprintern in knapp vier Stunden bestritten (3h 58min finde ich gerade spontan). Die Fahrt neulich enthielt allerdings zwei Zugwechsel, einen ungeplanten Aufenthalt in Erfurt, etwa eine Stunde Stehen im Zug, mindestens eine Stunde im Gang hocken sowie (nur!) vierzig Minuten Verspätung. Der Hauptunterschied zwischen beiden Bahnkulturen ist, dass in Japan das Shinkansen-Netz eigene Gleise hat. Und offenbar besser gewartete Züge (das in Berlin waren technische Probleme am 1. Zug sowie überhitzte Antriebe am 2.) sowie zuverlässiges Personal in ausreichender Zahl (der Parallelzug von Berlin nach München fuhr mit anderthalb Stunden Verspätung weil der Zugführer nicht aufgetaucht war). Jedenfalls hatte ich Freude hier am Zug. Es gibt theoretisch auch eine 1. Klasse ("Green Car"), aber schon die zweite Klasse ist sehr komfortabel finde ich, die Beinfreiheit ist so groß, dass man kleine bis mittelgroße Koffer einfach vor sich platzieren kann. Einziger Minuspunkt: Das Wifi war grottig. 

Interessanterweise hatte der Zug eine 3-2 Bestuhlung.

Ich verbrachte viel Zeit der (recht kurzen) Fahrt damit aus dem Fenster zu blicken. Ich weiß in der Theorie, dass Japan quasi nur aus Bergen besteht, aber es zu sehen ist nochmal anders. Bewaldete Hügelketten über die gesamte Fahrt hinweg. Davor immer Häuser, einfach immer. Ein paar Tunnel gab es, und schließlich war da einer, der ein bisschen länger war, und schwupps waren wir auf Kyushu, einer anderen der vier Hauptinseln. Mir ist aufgefallen, dass ich bisher immer nur auf Honshu war, jetzt habe ich immerhin die Hälfte der Hauptinseln. 

 

Hiroshima. Links hinten auf dem Hügel ist die Friedenspagode erkennbar, mit einem großen Friedhof am Berghang darunter.


Ein typischer Blick in einer ländlicheren Region.

Hakata ist der letzte Halt des Shinkansen, es ist eine Station im Osten von Fukuoka. Von dort aus brauchte ich nochmal eine gute Stunde bis zum Campus der Kyushu University, der ziemlich außerhalb im Westen liegt. In der Theorie ist es ähnlich wie der TUM-Campus in Garching, nur in der Praxis sehr anders, weil es keine Bahn-Anbindung gibt. Sondern Busse, die teilweise nur ein-zweimal die Stunde fahren. Abgesehen davon dass es lange dauert (mindestens 25min) vom Campus zur nächsten Bahnstation (und damit zu Geschäften) zu kommen, ist es auch noch eher teuer (300Y pro Fahrt, also 2€), weil hier ein Monopol von nur einer Busgesellschaft herrscht. 

Am Bahnhof Hakata.

Der Fußboden in der Bahn sah aus als wäre er mit QR-Codes übersät - aber man kann sie nicht scannen :(


Die Fahrt fühlte sich interessant an - man fährt durch eine unbekannte Gegend, wo man weiß, dass es jetzt das neue Zuhause ist. Es ist eine schöne Landschaft! Viele bewaldete Hügel überall, mit einer Mischung aus verschiedenen Laubbäumen und Bambus. Überall Reisfelder, und verteilte Häuser. Viele Gräben und kleine Flüsse. Die Küste ist nicht weit, aber die habe ich noch nicht gesehen. Das Regengrau war an sich nicht so ansehnlich, aber in manchen höheren Hügeln hingen schöne Wolkenfetzen. 

 

Es gibt wirklich viele Reisfelder auf dem Weg zum Campus.

Dann stand ich also an der Bushaltestelle vor der Bibliothek. Der Campus ist sehr neu, die letzten Fakultäten sind wohl 2018 eingezogen. Für mich sieht alles neu, groß und sauber aus. Etwas verlassen momentan, es sind schließlich noch Semesterferien. 

Mein Wohnheim trägt die Nr. 3 und steht direkt hinter 2 und 1. Es gibt weitere an anderen Stellen, etwas weiter außerhalb des Campus. Dorm3 war meine Erstwahl. Punkt 15:00, wie ich bei der Anmeldung angegeben hatte, betrat ich das Gebäude. Am Empfang saß eine Dame, die mich dann auf mein Zimmer brachte und mich aufforderte, entspannt etwas anzukommen, bevor sie die Einführung ins Haus machen würde. 

Ich habe mich für Dorm3 entschieden, weil dort immer vier Personen wie in einer WG zusammenleben. Wir haben ein gemeinsames Wohnzimmer mit Küchenzeile und ein Bad mit Waschmaschine und Trockner, sogar einen echten Balkon mit Tisch und zwei Stühlen. Und dann hat halt jeder sein eigenes Zimmer. Das hat auch einen Balkon, aber das ist eher nur Fluchtweg, außer der Klimaanlage darf dort nichts stehen. Ich habe ein Bett (90x200), einen Schreibtisch mit Stuhl und einen großen Schrank. Ich tue mich schwer im schätzen und vermisse ein Maßband oder ähnliches, aber ich vermute es sind etwa 8 m². Ich finde es völlig ausreichend, vor allem habe ich im Flur, im Bad und in der Küche ja noch etwas Stauraum. Erstmal gab es ja sowieso nur einen Rucksack auszupacken. 

Die Empfangsdame (keine Ahnung wie ich diese Mommy des Wohnheims nennen soll) rief übers Haussystem an. Das beste Kompliment dass sie mir wohl machen konnte war mich nach meinem Antworten zu fragen, ob "Antonia-san" gerade da wäre, und als ich meinte das sei ich, meinte sie erstaunt ich hätte wie ein Japaner geklungen. Jedenfalls gab sie mir unten eine Einführung in Hausregeln, Schlüssel, Müll etc. Eigentlich hätte wohl noch jemand teilnehmen sollen, aber derjenige war wohl noch nicht vom Flughafen angekommen. Die Frau ist auf jeden Fall sehr nett und ist zusammen mit einer weiteren Frau jeden Tag für das Wohnheim da. Ich stelle es mir nicht einfach vor, einen Sack Ausländer zu hüten... Auch wenn die Hälfte hier Japaner sind, denn es wohnen immer zwei mit zwei zusammen. Meine beiden japanischen Mitbewohnerinnen (natürlich ist hier alles geschlechtergetrennt, willkommen in Japan) sind wohl momentan unterwegs, die eine soll Sonntag zurückkommen, die andere erst in zehn Tagen. Die vierte im Bunde ist eine Chinesin, die am Montag erwartet wird. Also habe ich die Wohnung erst einmal für mich, was zum Ankommen nicht schlecht ist. 

Es gibt momentan ein kostenloses stündliches Shuttle von den Wohnheimen zur Gakkentoshi-Station, damit sich alle einrichten können. So ging ich anderthalb Stunden einkaufen, vor allem Essen. Es ist super spannnend sich hier mit ganz anderen Zutaten, Preisverteilungen und mangelnder Ausrüstung zu überlegen, was man so isst. Meine erste Erkenntnis ist, dass man Tofu, Sprossen, Pilze und Natto sehr günstig kaufen kann. Gurken, Mais und Milchbrot-Verwandte ebenfalls. Wir haben einen Reiskocher, aber an den traue ich mich ohne meine Mitbewohnerinnen nicht ran, also habe ich erstmal Mikrowellenreis gekauft.

Ansonsten habe ich mich einfach umgesehen, welche Läden es gibt: 100Y-Shops, 300Y-Shops, Kaldis Import-Laden, Muji, ... Hier am Bahnhof findet sich eigentlich alles. Um halb sieben habe ich dann wieder einen Shuttle-Bus heim genommen. Fürs Abendessen hatte ich mir zwei o-nigiri mitgenommen. 

Um acht Uhr gab es dann die Coffee-Lounge im Mehrzweckraum im Erdgeschoss. Dieses gemütliche Beisammensein ist normalerweise nur Freitags, im Moment aber täglich. Es gibt einen Wasserkocher und man wird gebeten seine eigene Tasse mitzubringen, sodass man dort Pulver-Kaffee, Matcha-Latte oder Kakao trinken kann. Ich hatte allerdings noch keine. Es gibt nämlich kein Geschirr in den Wohnungen... 

Freundlicherweise fand sich ein Hamburger, der zwei Tassen besitzt und mir seine lieh bis ich eine eigene haben würde. Es war eine lustige Runde, die da zusammen kam, ich schätze an die zwanzig Leute. Am längsten unterhielt ich mich in einer Runde mit jemandem aus Indonesien sowie einer Halbjapanerin, deren Vater aus Sri Lanka ist. Es ging um allerlei Themen, um den Kleidungsstil der Japanerinnen (einhellige Meinung: viel zu farblos), um den Transport am Campus, um Japanisch, die Einstellung der Eltern zum Ausziehen generell und zum Auslandsstudium, ... 

Ich bin mir nicht sicher, ob man bei diesen Coffee lounges wirklich irgendjemanden sinnvoll kennen lernt mit dem man langfristig zu tun hat, aber es ist interessant zu sehen was hier so für Leute wohnen. Die Studentys sind in sehr verschiedenen Programmen von verschiedenen Fachrichtungen, manche studieren hier komplett, manche sind für ein freiwilliges Auslandssemester hier, für andere ist es eine Pflichtveranstaltung. Ich schätze mal die Hälfte der ausländischen Bewohnys kommt aus China. Andere asiatische Länder wie Taiwan, Korea, Indonesien sind ebenfalls zahlreich vertreten. Aus Europa habe ich bisher nur den Hamburger und einen Schweden getroffen. Nordamerikanys fehlen bisher, dafür eine Person aus Afrika. Spannende Perspektiven!

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Gurke am Stiel

Seattle's best coffee

Experimente - heute im anderen Labor